ABENTEURER UND DIE KUNST DER INNEREN REISE

Auf der ganzen Welt brechen Abenteurer auf ihren Bikes auf, die Welt kleiner werden zu lassen. Mittlerweile wird nicht nur ein Sabbatjahr genommen, vielmehr wird der Abenteurertrip zu einer Philosophie oder einer Lebensweise. Als Beispiele seien hier genannt: der legendäre Ted Simon mit seinen Jupiter Reisen, der jahrelang eine ganze Motorradnation bewegt hat; das englische Paar Lisa und Simon Thomas mit 11 Jahren Weltreise; der Berufsabenteurer Michael Martin mit mehr als 30 Jahren Reiseroutine oder der deutsche Fahrrad-Weltenbummler Heinz Stücke mit sehr wahrscheinlich rekordverdächtigen 51 Jahren Weltreise.

Um dahinter zu kommen, welche Arten von unterschiedlichen Herausforderungen und welche Realität hinter einer langen Reise fern der eigenen Heimat warten, fanden meine Recherchen zu dem Thema schon 2011 statt. Diese war so umfangreich, das es sich lohnte, mehrere Spezialisten für den Film aufzusuchen, die sich diesem Thema widmen. So kommen nicht nur erfahrene Abenteurer in Globaltrek zu Wort, sondern auch ein Psychologe, ein buddhistischer Lama, ein Coach und ein Motocross-Trainer. Nicht ohne Grund.

Wenn Sie einmal vorhaben, z.B. eine Motorradweltreise zu unternehmen, dann erwartet Sie neben dem Fahrspaß, dem Fotografieren und der gefühlten Freiheit auch ein hochkomplexes Ereignis, das Sie –  je nach Dauer der Reise – langfristig und nachhaltig verändern wird. Davon zu träumen ist das eine, es wirklich durchzuziehen ist etwas anderes.

Aber seien Sie zuversichtlich, dass Sie nichts verlieren, sondern gewinnen.
Im Internet finden sich viele Weltreise-/Motorradreise-Foren, vieler Vorreiter privater Webseiten, mit einem atemberaubenden Informationsgehalt. Für jede Art des Weiterkommens, für jedes Thema, sei es Navigation, Ausrüstung, Wegstrecke, Verschiffung, Übernachtung, Technik oder Strecken-Highlights finden Sie reichlich Information. Was hält Sie also ab?  Um Sie der Entscheidung, wirklich das Bike zu satteln und loszufahren, näher zu bringen, verpacke ich hier nützliche Erfahrungen von der bisher verlaufenen Globaltrek-Tour und die Erfahrungen versierter Abenteurer in eine Reisebeschreibung.

DEZEMBER 2012

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Erst nachdem ich meinen Entschluss, für ein Jahr mit dem Motorrad in die weite Welt zu reisen, hin und her gewälzt hatte, begann die zweite Phase. Ich hatte genug geträumt, mir angesehen, wie andere schon längst unterwegs waren oder von ihrer großen Reise reichlich berichteten. Um meinen Entschluss zu bekräftigen, musste ich aktiv werden. Und das erste, was ich dazu machen musste, war loszulassen auf breiter Ebene. Nachdem ich im materiellen Loslassen sehr geübt war, begann es konkret zu werden. So wurden Verträge gekündigt, Vorbereitungen getroffen, Ausrüstung gekauft und auch ausgedehntere Übungstouren wurden durchgezogen

Meine Ausrüstung unterteilte ich in Parts: Küche, Kleidung, Medikamente und Pflege, Navigation (zwei Garmin-Geräte), Ersatzteile, Motorradklamotten, Zelt und Schlafen, Adapter und Technik.

Von all diesem Zeug gingen ungefähr 25 kg mit drei Paketen aus unterschiedlichen Ländern wieder Richtung Deutschland. Anfängerfehler. Zu viel mitzunehmen gehört eben zum alten Verhalten vor der Reise. Das Entlasten während der Reise war stets ein Highlight, auch wenn das Versenden meist schmerzlich teurer war.

Dann folgte eine schwammige Phase, in der es auch reichlich Verunsicherung gab, ob mein Entschluss wirklich so klug war. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich alle Phasenwechsel schließlich positiv miterlebt habe. Aus ihnen habe ich den Grundstoff bezogen, der mir noch jetzt auf der Reise nutzt.
Haben Sie ihren Entschluss gefasst, sind aktiv geworden und es kommt der große Tag der Abreise, dann seien Sie sicher, die Reise hatte bereits mit dem Traum davon begonnen.

PART 1 – ANKUNFT IN THAILAND

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Nach einem weiteren Jahr der ständigen Entsorgung, Entlastung, Organisation und Vorbereitung wurde das Bike in eine Kiste gepackt. Es war mitten im Winter, eine Einreise über Osteuropa und den Iran erschien nicht nur ausgeschlossen, es wäre auch ziemlich dumm gewesen. Also wurde verflogen. Von Köln nach Bangkok, direkt in den Sommer.

Was den Lufttransport betrifft, habe ich mich für DHL entschieden. Hier wurde mir professionell weitergeholfen. Es waren einige Fragen zu klären, spezifisch für die Luft Cargo natürlich das Gewicht der gesamten Fracht, also Bike, Ausrüstung und Kiste. DHL hat also organisiert und Thai Airways hat die Fracht übernommen. Kostenpunkt: alles drum und dran 2000 Euro mit Versicherung.

Das Abgeben der Organisation für den Transport hat sich nicht nur in Deutschland ausgezahlt, sondern gerade auch in Thailand. Dort gab es Hilfe einer Speditionsfirma, die sich um den gesamten Prozess der Einfuhr samt Papierkram kümmerte. Die Ausfuhr des Bikes aus dem Zoll ins herrliche Thailand inklusive Anheuerung eines Lkw für den Transport der Kiste zu Touratech Thailand kostete 150 Euro. Nicht mal viel für fast zwei Tage Aufwand und drei Personen Unterstützung.

Von jedem Echtdokument wurden mindestens drei Kopien angefertigt. Dazu mussten unterschiedliche Stationen angelaufen werden. Am Ende wurde nicht mal kontrolliert, ob das Carnet de Passages überhaupt zum Bike passte. Denn in Thailand geht es ohne. Man bekommt ein spezielles Papier, auf dem mit mehreren Stempeln bestätigt wird, dass ein deutsches Bike eingeführt wird.

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Nachdem die Kiste verladen war und das Bike gesattelt, ging die Fahrt zu Touratech Thailand. Hier fand nicht nur die Kiste ein neues Zuhause, hier ergoss sich auch ein wunderbarer Supportregen des gesamten Touratech-Teams auf uns. Viele Hinweise, Tipps und anfänglich technische Probleme konnten wir in Teamwork lösen.

Nach all der Aufregung ging sie nun in Echtzeit los. Die große Reise.

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Thailand. Das bedeutet lange sonnige Tagesfahrten, grüne Täler, vollgestopfte Städte, Offroadpassagen, Küstenfahrten, günstige Gästehäuser mit hohem Standard, bestes und günstiges Essen und Bier, Kultur, Tempel und Touristenattraktionen sowie viele, viele Kilometer. Das Klima ist erträglich, der Überlandverkehr überschaubar und die Sicherheit im gesamten Land nach vielen Kilometern spürbar.

Überall wird die 1200er Adventure bestaunt, Probe gesessen und die standardisierte Fragerunde nach Herkunft, Preis und Hubraum eröffnet das Gespräch für alles andere. Sprit ist günstig, die Qualität in Ordnung, auch wenn ich stets den Touratech-Benzinfilter benutze, um Unreinheiten und Wasseranteile von vornherein auszuschließen.

Das Guesthouse-Netz ist fantastisch, überall findet sich eine günstige Schlafgelegenheit. Nette Menschen, die mir den Weg erklären, mir eine Unterkunft besorgen, mir beim Einkaufen von Teilen oder Equipment behilflich sind und Mitreisende, die mir ihre Geschichten von der großen Reise erzählen und mich ein Stückbegleiten.

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Die GS läuft und läuft. Sollte sie auch, denn in Deutschland habe ich mit BMW-Werkstatt Hengst und Stute so ziemlich alles angeschraubt, was für die große Reise wichtig sein könnte. Auch das eine unbezahlbare Unterstützung.

Da musste ich durch: Die BMW wurde in der Mitte zerlegt. Komisches Gefühl. Doch unerlässlich, denn einer der Simmerringe war undicht. Da BMW hier sehr kulant ist, wurde mit gut geführtem Checkheft der Simmerring ersetzt. Wir entschieden aber, direkt alle zu wechseln, wo gerade mal alles offen lag.

In unzähligen Stunden habe ich hier geschraubt, in Handarbeit die Mäntel von den Felgen gezogen, Speichen justiert, Bremsbeläge gewechselt, am Laptop die Fehler ausgelesen oder mir versucht zu merken, wo was ist und wozu es da ist. Auch die sinnvolle Anschaffung eines Ersatzteillagers habe ich mit dem Kölner Team penibel ausgearbeitet. Dennoch kann ich mich heute nicht als Techniker bezeichnen. Vieles ist nun mal eben nicht aus dem Handgelenk zu schüttel.

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Nun bin ich hier, die BMW, das Zebra, ist heil angekommen. Alles darf jetzt erst einmal sacken. Die massive Zeit des Loslassens in Deutschland, die Vorbereitung des gesamten Reiseablaufs mit unzähligen Telefonaten, alles was zu bedenken war, mit Impfungen, Versicherungen, Arbeit, Freunde verabschieden, Familienangelegenheiten klären und absichern, Länderinformationen wälzen, Ausrüstung testen, die gesamte Kameraausrüstung wechseln und testen, und, und, und.

Jetzt darf alles verarbeitet werden. Jetzt darf ich mich einstellen auf neue Gefühle, ein neues Zeitempfinden, neue Realitäten und deren Check, Begegnungen fremder Art und die Entdeckung einer neuen Art zu denken. Ein großer Moment.

 

VON MALAYSIA NACH INDONESIEN

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Wir sind schon eine ganze Weile zusammen unterwegs. Akosh ist nicht nur ein sehr guter Reisebegleiter, er ist auch erfinderisch. Seine Honda Trans Alp ist nicht die neuste. So manche Kabel liegen nicht nur blank, es hat sich mittlerweile auch Feuchtigkeit eingenistet.

Das erste Mal, dass wir gemeinsam seine Maschine schieben müssen, weil sie kein Lebenszeichen mehr von sich gibt, ist kurz nachdem wir die erste Fähre nach Koh Lanta im Südosten Thailands gemeistert haben. Nachdem ich mein Zebra zuerst von der Fähre gefahren habe, machen wir uns gemeinsam daran, seine überladene Maschine von Bord zu schieben.

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Wir sind die Letzten, die von Bord gehen. Aufmerksam beobachtet man unser Treiben, alle finden es hoch interessant, dass wir mit so viel Technik reisen und dennoch schieben müssen. Wir sind erfolgreich mit der Schieberei. Dennoch wird Akosh ohne mich erstmal nicht gut auskommen, da der Anlasser definitiv ein Problem hat. Ich selbst habe mir nach der ganzen Umladerei fest vorgenommen, meine eigene Ausrüstung immer mehr abzuspecken. Wenn geschoben werden muss, ein Zimmer bezogen wird, das Motorrad verladen wird, steht nun mal Packen an. Je weniger Kram dabei ist, desto besser, einfacher, entspannter ist das Ganze.

Auf Koh Lanta sind zurzeit nur wenige Touristen, sodass wir die Zeit in dieser wunderschönen Landschaft genießen können. Wir verbringen zwei Tage in glühender Hitze, schauen uns die kleinen Dörfer an, besuchen ungarische Freunde von Akosh, die hier als Tauchlehrer arbeiten, und erkunden gemeinsam die Gegend.

Fünf Tage später stehen wir an der malayischen Grenze. Die Nacht zuvor hatten wir eine schöne Unterkunft in Saturn gefunden. Wir passieren die Grenze bei Wang Kelian, das ist die südliche Grenze zu Malaysia. Es ist der kleinere Grenzübergang und auch der schönste. Aber nicht der bessere, wie sich bald herausstellt.

Der Papierkram dauert hier über eine Stunde, die Hälfte der Zeit stehen wir im Dauerregen in der Warteschlange. Wir sind die einzigen mit europäischen Kennzeichen.

Es stellt sich heraus, das momentan keine Zöllner vor Ort sind, die unsere Carnets hätten abstempeln können. Trotzdem kommen wir ungehindert rein und setzen die Fahrt Richtung Malaysia fort. Wir beschließen, direkt zum zweiten, weiter östlich gelegenen Grenzübergang in Padang Besar zu fahren, um uns dort den Stempel nachträglich zu holen. Wir fahren durch wunderschöne Landschaften; Malaysia präsentiert sich in vielen Grüntönen und grenzenlosen Wäldern und Hügeln.

Wir haben beide ein Problem mit unseren Navis. Da wir beide exakt die gleichen Geräte haben, wundert es uns nicht. Wir sind in einer GPS-armen Zone unterwegs und versuchen in Teamwork, uns durchzufragen. Mit Erfolg. In Padang angekommen finden wir schnell den Grenzübergang. Jetzt wird’s interessant, da wir ja bereits die Bikes im Land haben, aber noch keinen Stempel. Wir müssen auch nicht zu den Zollbeamten, die die Einfuhr nach Malaysia regeln, sondern man schickt uns zu denen, die den Ausgang nach Thailand regeln. Als wir mit Händen und Füßen zu erklären versuchen, dass wir den Stempel nicht bekommen haben, weil keine Zöllner vor Ort waren, dies aber nun nachholen wollen, stellt sich heraus, dass  man uns nicht versteht. Akosh wird ungeduldig und versucht, Druck zu machen.

Ich beruhige ihn und schlage vor, dass ich eine ruhige Variante versuche.
Irgendwie klappt es dann mit viel Geduld, etwas Humor und Bestimmtheit. Ich erzähle dem Zöllner, dass wir vom Fernsehen sind und wichtige Termine haben. Daraufhin will er auch die Maschinen sehen, aber eher, weil er große Motorräder mag. Als er unsere voll beladenen Bikes betrachtet, ist sein Tag gerettet; er freut sich und staunt, dass wir auf so großen Motorrädern überhaupt fahren können. Weiter geht‘s mit Stempel im Carnet. Unser nächstes Ziel ist die Insel Palau Pinang mit der Stadt Georgetown an der Westküste Malaysias.

Wir passieren die Penang Bridge vom Festland Malaysias Richtung Palau Pinang. Georgetown. Was für ein unglaublich interessantes Stück Erde. Diese Stadt ist voller Menschen aus vielerlei Ländern. Diese Stadt ist voll, sympathisch und urban. Überall Kunst an den Wänden, quirlig und exotisch. Überall sind indische Großrestaurants, überfüllt mit Menschen. Die Häuser sind uralt, verkommen, dennoch kann man die Augen nicht von ihnen lassen.

Chinesische Tempel, indische Märkte, Moscheen und Kirchen. Hier leben alle in Frieden zusammen. So dreckig und abgenutzt diese Stadt auch erscheint, sie kann einem ans Herz wachsen. Hier finden wir im Hotel „Little India“ ein günstiges Zimmer. Die Motorräder dürfen wir direkt vor der Eingangstür platzieren, auch wenn wir uns gegenseitig helfen müssen, zwei hohe Stufen zu überwinden. Die Abdeckplane aus Thailand bewährt sich immer wieder erneut. Es passen sogar beide Bikes darunter.

Nach ein paar Tagen der Stadterkundung zieht es uns in die Cameron Highlands, die berühmte zentrale Bergkette Malaysias. Akosh bleibt noch etwas länger in Little India, weil er einen Artikel fertig schreiben muss und sich mit einer Backpackerin treffen möchte.

So trennen wir uns erst einmal und beschließen, uns später in den Highlands wieder zu treffen. So fahre ich Richtung Süden nach Kampung Kepayang und von dort aus nehme ich die A 185 Richtung Osten, direkt in die Ausläufer der Cameron Highlands.

Die Cameron Highlands laden den Motorradfahrer zu ungeahnten Berg- und Talfahrten ein. Es geht immer in Serpentinen aufwärts, manchmal durch neblige Abschnitte, manchmal durch enge Tunnel und zumeist durch dichten, urtümlichen Dschungel. Ein Traum, hier fahren zu können. Es erfüllt mich mit Freude, meine Sinne brennen für alles Neue und ich kann es kaum glauben, hier zu sein.

In Brinchang finde ich mein erstes Hotel. Ich beschließe ein besseres Zimmer zu wählen, denn hier möchte ich diese wilde, urtümliche Landschaft mit etwas „Luxus“ mischen. Nach dem Einchecken genieße ich eine grandiose Aussicht auf die grünen Camerons und ein gemütliches Zimmer. Das Zebra habe ich wieder einnal sicher in einer Tiefgarage verstaut. Alles super.

Neben den vielen Strawberry-Farmen kann man hier einfach nur die Augen genießen lassen. Die Gegend ist voll mit alten Landrovern aus vergangener Zeit, in allen Variationen. Aus allen Winkel Malaysias kommen die Menschen, um auf den offenen Märkten einzukaufen. Überall nicht es nach Erdbeeren, Früchten und verbranntem Dieselbenzin. Das Klima ist herrlich, lange nicht so heiß und schwül wie im Tal. Es gibt wunderbare Hotels, Hostels und private Unterkünfte. Alles ist gut organisiert, und bezahlbar ist es auch.

Nachdem Akosh nun mit Melissa unterwegs ist, verlasse ich die Cameron Highlands Richtung Kuala Lumpur. Meine Freundin kommt für zwei Wochen, gemeinsam wollen wir Malaysia erkunden.

Kuala Lumpur ist eine Großstadt wie jede andere. Es macht nicht wirklich Spaß, sich durch diesen Verkehr zu quälen, um eine teure Unterkunft zu finden. Mitten im Zentrum, direkt gegenüber den Petronas Towers, checke ich in ein überteuertes Hotel ein. Das Zebra steht vor dem Eingang. Die Sicherheitsbeamten helfen mir, das Zebra zuzudecken und versprechen, in der Nacht darauf aufzupassen. Das klappt auch wunderbar.

In der Nacht schaue ich mir Kuala Lumpur an, denn nur die Nacht macht aus dieser Stadt etwas Besonderes. Überall hängen Trauerplakate zum verschwundenen Flug MH370. Das Thema hatte mich schon eine ganze Weile verfolgt, nicht nur, weil ich selbst während meiner langen Reise immer wieder im asiatischen Raum fliege. Ich unterhielt mich oft mit Einheimischen über die Sache. Alle waren zutiefst betroffen und vermuteten eine geheime Regierungssache dahinter.

Nachdem meine Freundin Lea nun angekommen ist, fahren wir zurück in die Cameron Highlands. Akosh und Melissa erreichen wir nicht, sodass wir beschließen, weiter Richtung Westküste zu fahren. Wir wollen zum Lake Kenyir. Dort befinden sich mit die ältesten Urwälder der Erde. Allerdings hatte es das auch schon auf der Seychellen-Insel Prasline und auf der Kanareninsel La Gomera geheißen.

Auf dem Weg nach Gua Musang, nicht weit vom Lake Kenyir, checken wir in ein günstiges und heruntergekommenes Hotel ein. Was sehen meine Augen? Einen Toyota FJ, voll ausgestattet für die Weltreise, eine Weltkarte an beiden Türen, ein Dachzelt. So treffen wir Dirk und Lieve aus Belgien. Die beiden Weltenbummler sind über 70 Jahre und fit wie Turnschuhe. Sie haben den ganzen Weg von Europa über die Mongolei, durch China und Thailand hierher gemacht. Und wer die Mongolei ein wenig kennt, weiß wie tough man sein muss.

Sofort beschließen wir, ein paar Tage gemeinsam zu fahren. Wir trinken Kaffee am Straßenrand und sitzen abends zusammen bei selbst gemachten Spagetti und Salat. Wir tauschen Reisegeschichten aus und staunen. Dirk und Lieve sind erfahrene Weltenbummler mit viel Mut. Sie kennen die Probleme bei Grenzübergängen; sie wissen, wie man ein festgefahrenes Auto befreit, und sie sind perfekt organisiert, was ihre gesamte Ausrüstung angeht. Wir können also wieder dazu lernen und unsere gemeinsamen Tage sind einfach wunderbar. Und das nicht nur, weil ich mit Dirk ein Interview machen kann.

Nach den schönen gemeinsamen Tagen fahre ich mit Lea an die Ostküste Malaysias. Ohne es zu wissen, fahren wir durch das Land der Muslime. Überall weckt uns der Muezzin, und die Rezeptionen der Hotels müssen uns bei unserer Ankunft immer vertrösten, die Zimmer sein alle ausgebucht. Das meinten sie auch nicht böse, sie sind nur westliche Durchreisende nicht gewohnt und wissen nicht, wie sie mit uns umgehen sollen.

Also fahren wir weiter und weiter. In der kleinen Stadt Paka, nahe bei Dungun, direkt an der Ostküste werden wir fündig. Wir steuern auf eine kleine Strandsiedlung zu. Weil wir sehr langsam fahren, spricht uns ein Mann an, der im Vorgarten seines Hauses arbeitet.

„Looking for room?“ Wunderbar. Wir bekommen ein Privatzimmer, süß eingerichtet; wir haben Familienanschluss, erfahren viele Neuigkeiten über Malaysia und buchen mit Hilfe unserer Gastgeber einen Aufenthalt auf der im Nordosten gelegenen Insel Palau Perentian Kecil. Wir wollen eine Woche schnorcheln, entspannen und die Seele baumeln lassen.

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Nachdem ich immer mehr Selbstsicherheit im Verkehr und in meiner Selbstorganisation gewonnen hatte, entschied ich mich, die lange Fahrt durch Laos mit einem Grenzübergang nach Kambodscha zu steigern. Vientiane, die Hauptstadt von Laos, hatte sich als gründliche Schule für mich erwiesen. Nun suchte ich auf der Karte die Hauptstraße nach Osten, die mich dann irgendwann Richtung Süden und damit in Richtung kambodschanische Grenze bringen sollte.

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Auf der Papierkarte ging alles klar. Im Navi weniger. Ich durchquerte Vientiane acht  Mal, und das in alle Himmelsrichtungen. Selbst mit Durchfragen wollte mich irgendetwas davon abhalten, diese Straße zu finden. Einmal wusste ich, – laut Naivi und iPhone – ich war richtig. Die Straße war nur ein Schotterweg und der rote Staub hüllte den Verkehr nahezu ein. Wieder frage ich Einheimische, ob ich richtig war. Doch jetzt wollte sich niemand mehr festlegen. Und wieder wich meine Richtung ab nach Norden. Schließlich war ich so frustriert, das ich meinen Plan, von Laos nach Kambodscha zu fahren aufgab. Ich entschied mich, noch am selben Tag über die thailändische Grenze zu fahren. Irgendwie war mir das sogar recht. Ich kannte die Verhältnisse dort und war froh, auf organisierteren Straßen und zivilisierteres Verhalten im Verkehr zu treffen.

Beim Grenzübergang war es bereits dunkel geworden. Als ich mich langsam der Schranke nähere, wurde ich unmissverständlich darauf hingewiesen, das Bike erstmal am Straßenrand abzustellen. Was folgte, war Papierkram. Ausweis und Visum waren nicht schwer. Obwohl ich kein thailändisches Bargeld und niemand hier einen Kartenleser hatte, konnte ich bei der Dame nach mir in der Schlange Laotisches Geld gegen thailändische Bat tauschen. Das Carnet de Passage war schwieriger. Ich sollte auf die andere Seite der Grenze, dort, wo die Fahrzeuge nach Laos reinfahren. Denn nur da, sagte man mir, sei auch jemand vom Zoll.

Also stiefelte ich mit meinen Papieren durch die Grenzgebäude an gelangweilten Grenzbeamten in kleinen Büros vorbei auf die Gegenseite. Niemand kümmerte sich großartig um mich, weil ich auch immer höflichst und offiziell grüßte. Der Zollbeamte auf der anderen Site wusste nicht, wie man das Carnet stempeln sollte. Und eigentlich braucht man ja für Thailand auch kein Carnet. Da ich von Laos kam, war das Abstempeln jedoch gewissenhafter. Mit aller Freundlichkeit zeigte ich dem Zollbeamten, wie man ein Carnet abstempelt und lobte ihn für seine Arbeit. Nach einer halben Stunde war alles erledigt und ich rauschte ab, rein nach Thailand, rein in anbrechende Nacht.

Nach einer  Stunde fand ich ein ganz nettes Hotel für wenig Geld, direkt am Mekong gelegen. Ich konnte mein Bike wieder mal perfekt abstellen, sicher und geschützt. Es gab sogar einen Mitarbeiter, der für mich nochmal die Küche aufmachte, um ein warmes Essen zu zaubern. Das war ein langer Tag. Zufrieden und froh über den abgeschlossenen Tag fiel ich ins Bett.

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Die gesamte Fahrt durch Thailand in den Südosten verlief ohne Komplikationen. Ich fuhr recht zügig und machte in den ersten beiden Tagen so viele Kilometer, dass ich schon am dritten Tag an der kambodschanischen Grenze stand. Merklich schlechter waren die letzten 80 Kilometer vor der Grenze. Ich hatte einiges über Kambodscha gelesen und war mit gemischten Gefühlen unterwegs. Die Karte im Navi versagte, sodass ich nun auf die Papierkarte angewiesen war. Und das sollte ich über viele Wochen so bleiben.

Nachdem ich die Grenze erreicht hatte, wurde mir klar, wie anders Kambodscha werden würde. Ich musste kurz vor dem Schlagbaum halten und wurde angewiesen, mich in der unheimlich langen Menschenschlange  rechts von mir anzustellen. Das Bike sollte ich einfach da lassen, wo es stand. Misstrauisch schaute ich ihn an, die Schlange an, wieder ihn an, mein Bike an und musste mit dem Kopf schütteln. Ohne dass ich etwas sagte, lachte der junge Grenzbeamte beherzt und fragte mich, ob ich schnell weiter wolle. Klar wollte ich weder in die Schlange, noch das vollbepackte Bike an einer internationalen und nicht einfachen Grenze unbeobachtet stehen lassen. Er schlug vor, für umgerechnet 10 Euro mehr, jemanden mit meinen Papieren (Reisepass, Bargeld und Carnet) loszuschicken. Das war jetzt keine leichte Entscheidung. Doch was sollten die schon mit meinem Papierkram anderes machen als das, wofür es ist.

Ich willigte ein. Er lachte wieder und versprach, alles würde nur ein paar Minuten dauern. Und Tatsache. Nachdem ich mich – amüsiert über die länger werdende Backpacker-Schlange vor dem Grenzschalter – mit einer kalten Cola am Straßenrand entspannt hatte, tauchte aus der Menge ein junger Asiate auf und winkte mir zu. Aus seiner professionell wirkenden Umhängetasche zog er nicht nur meinen Papierkram heraus, sondern auch Kopien und das Visum für Kambodscha. Ich bedanke mich,verpackte alles und beobachtete aus dem Augenwinkel, wie neidisch die Backpacker auf den ganzen Vorgang schielten.

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Willkommen Kambodscha. Das Gefühl war ein ganz anderes. Ich war aufgeregt. Kambodscha, ein Land voller Ungewissheit, schlechter Straßen, Gewalt und chaotischem Verkehr. Die ersten 100 km werde ich nicht vergessen. Die langgezogene Landstraße Richtung Siem Raep war über und über mit tiefen Schlaglöchern überzogen. Unbeschilderte Baustellen ließen die Straße hier und da einspurig werden. Der Gegenverkehr nahm keine Rücksicht. Oft musste ich auf den Acker oder auf den unbefestigten Seitenstreifen ausweichen. Und doch ist diese weite Landschaft unheimlich schön. Viele der Menschen sind so arm, das sie direkt am Straßenrand betteln und dort auch wohnen.

Ich schaffte es, rechtzeitig vor der anbrechenden Dunkelheit in Siem Reap anzukommen und entschied mich, direkt nach Angkor Wat zu fahren, um dort eine Übernachtung zu finden. Doch vieles war ausgebucht oder zu teuer. In Siem Reap entdeckte ich schließlich ein sehr feines französisches Gasthotel und kam dort gerade noch unter. Das Bike wurde direkt neben die Rezeption auf einen Platz gestellt. Ich führte nach dem Abladen mit wahrscheinlich allen Gästen das übliche „Wo kommst du denn her?“-Gespräch. Alle waren erstaunt. Mit dem Motorrad durch Kambodscha! „Pass gut auf dich auf“, war der Tenor, was mich aber nicht wirklich verunsicherte.

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Ich besuchte die riesigen, atemberaubenden Angkor-Wat-Tempel und ließ mich
durch die Vergangenheit treiben. Weil hier tausende Touristen dasselbe Ziel haben, entschied ich mich, gleich für zwei Tage einen TukTuk-Fahrer zu mieten.
Herrlich. Ich war begeistert von meiner Idee und hatte viel mehr Zeit, nach links und rechts zuschauen. Mein Zebra stand weiterhin sicher, und ich musste nicht immer in Sorge sein, was damit sein würde.

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In Kambodscha besuchte ich noch den Nordosten, den Süden und den Südwesten. Einige der Straßen waten mit Baustellensand überschüttet und wirbelten gewaltigen Staub auf, andere Straßen waren gut und übersichtlich, wieder andere mit riesigen Schlaglochpassagen übersät. Ich war all das mittlerweile gewohnt.

In Phnom Phen war „Halligalli“ der Backpacker. Die ganzen Hostels waren überfüllt, laut und zumeist hatten sie keine Unterstellmöglichkeit für mein Zebra. In einem Hotel fragte ich gleich mal den Manager, ob ich als Weltreisender mit Zebra nicht was Ermäßigung bekäme. Er war sehr freundlich, und nach einigen Fotomintuen auf und neben dem Zebra mit der gesamten Belegschaft bekam ich eine Ermäßigung und einen Platz fürs Zebra direkt auf der Frühstücksterrasse. Es störtesich hier niemand, dass die Gäste also am nächsten Morgen mit meinem verdreckten Zebra frühstücken, zumal am Vortag irgendein Katervieh seinen Duft auf auf der Abdeckplane hinterlassen hatte.

Etwas später rächte sich, dass ich zu wenig auf meine Elektrolytversorgung geachtet hatte. Das Wasser hier im Geschäft war kein Mineralwasser. Ich hatte zwar genug getrunken, doch ohne Zusatz von Tabletten ist in dem Wasser eigentlich nichts drin. Zudem hatte ich anscheinend eine Infektion. Im Hotel entschied ich mich, mit dem Taxi das nächste Krankenhaus aufzusuchen. Als mich die russische Ärztin hereinbat, fiel ich einfach vor ihr auf den Boden, noch bevor ich ihr die Hand geben konnte.  Mich verließenen die Kräfte.

Nach etwas allgemeiner Unruhe und einer peniblen Befragung der Ärztin, wo ich war, was ich gegessen hatte und wie lange ich mich schon so fühlte, stand die Diagnose: 1. eine Streptokokken-Infektion und 2. zu wenig Elektrolyte. Das hatte ich mir in Senmonron im Nordosten Kambodschas eingefangen. Dort hatte ich in einem einfachen Dschungel-Dorf mit einheimischem Essen übernachtet. Nach zwei  Infusionen und fünf Stunden Bettruhe durfte ich mit einer dicken Tüte voller Medikamente das Krankenhaus wieder verlassen. Die Ärztin hatte mir jede Menge Elektrolyte mitgegeben, für die ich zwar erst einen Platz finden musste, die mir aber die Weiterfahrt erheblich erleichterten.

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Im Südwesten war die Fahrerei sehr schön. Ich sah grandiose Landschaften, die Menschen waren sehr freundlich, boten alles Mögliche an und freuten sich immer, wenn ich für irgend eine Kleinigkeit anhielt, etwas kaufte und versuchte, mit ihnen zu sprechen. Dieses Land ist auf der Suche. Viele der älteren Überlebenden der Roten-Khmer-Zeit sind hochgradig posttraumatisiert und die jüngere Generation verlässt das Land.

Kambodscha steht nach einer schrecklichen Vergangenheit am Scheideweg. Und doch hat es mit all seiner Schönheit eine riesige Chance mit Ökotourismus, schönen Landschaften und alten Traditionen viele Menschen in den Bann zu ziehen.

Nach Kambodscha war ich bereichert. Auch hatte mich die Geschichte Kambodschas sehr bewegt. Es ist mir unbegreiflich, wie die Menschen mit dieser unglaublichen, vergangenen Gewalt noch heute zurecht kommen müssen.Ich entscheide mich für das Verlassen Kambodschas für den Grenzübergang Krong Kampot.

Wieder in Thailand angekommen, regnete es tagelang in Strömen. Mein Plan sah vor, bei BMW Thailand alle Flüssigkeiten zu wechseln, die Bremsen zu checken, die Reifen zu wechseln und bei Touratech Thailand noch einmal die gesamte Ausrüstung auszudünnen. Ich verpackte ungefähr 25 Kilo von der mitgeschleppten Ausrüstung in einen riesigen Karton. Teuer war das und lange dauerte das auch, bis das Paket Köln erreichte. Egal. Ich bin leichter und leerer. Ein gutes Gefühl.

Was habe ich gelernt:
Nehmen was kommt, sich in den eigenen Reaktionen beobachten, Gefühle willkommen heißen, eigene innere Grenzen angehen und sich darüber freuen und das Eis brechen, wer auch immer vor einem steht. Ich weiß, mir gefällt das. Ich will mehr. Und freue mich nach gelungenem Zebra-Check, neuen Reifen und neuen Bekanntschaften auf Malaysia.

Ich bin jetzt mit Akosh unterwegs. Er ist schon 1,5 Jahre auf einer alten Trans Alp unterwegs. Er fuhr von Ungarn über Pakistan und Indien mit Verschiffung nach Thailand. Wir sind uns auf Anhieb sympathisch und so beschließen wir, den Weg zusammen zu fahren. Da Akosh sich noch von Freunden in Thailand verabschieden möchte, fahre ich schon die ersten 500 km vor. Doch erst in Keabi, im Süden von Thailand, Nahe der malayischen Grenze, treffen wir uns. Akosh ist Meister der Zuladung. Er hat im Vergleich zu mir fast doppelt so viel Gepäck auf dem Bike. Neben sehr großen und schweren Taschen hat er auch während der Fahrt einen 60-Liter-Rucksack – voll bis oben hin – die ganze Zeit auf dem Rücken. Ich staune nicht schlecht, dass er mit all dem Zeug über die nepalesischen Bergpässe gefahren ist. Es ist toll, zusammen zu fahren, wie es die „Easy Rider“ taten, einfach so, entschlossen und unglaublich cool.

THAILAND UND LAOS

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Über die Rentenversicherung mache ich mir hier in Asien mal keinen Kopf. Wunderbar. Derartigen Gedankenkonstrukten nicht mehr ausgeliefert zu sein, bedeutet Platz für andere Gedanken. Meine Wahrnehmung hier in Asien darf sich vollkommen auf naturgegebene Reize konzentrieren: ich sehe, ich höre, ich rieche und ich fühle, was meine Interpretation der Umgebung mir vorgibt.

Genau das ist der Vorgang, der mich hier interessiert. Wenn Sie z.B. täglich an einem Computerarbeitsplatz verbringen, dann ist Ihr Gehirn in einem ganz speziellen Modus: die sehr stark komprimierte Aufmerksamkeit hat ihren Fokus auf dem Bildschirm, der recht nah vor Ihnen steht.

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Wenn Sie auf einem Motorrad auf einer ausgedehnten Landstraße durch Asien dahingleiten, ist Ihr Gehirn in der Lage, ihre Aufmerksamkeit durch die weite Umgebung auf das innere Selbstbefinden und die innere Selbstbeobachtung zu lenken. Ich könnte auch einfach nur so durch die Gegend fahren und nix denken. Das wäre sicher eine der größten Freiheiten, eben einfach mal nichts zu denken.

Thailand hat beste Straßen, alles ist glatt, der Verkehr geregelt und es ist herrlich hier zu fahren. Es ist nicht nur warm und sonnig, es ist alles voller Farben und Exotik. Die Navigation ist einfach, Straßenkarten gibt es in Deutschland und in Thailand ganz gute. Ich habe meistens das iPhone für die Navigation genutzt, es ist am genauesten. Die App von Sygic beinhaltet ganz Asien und ist schnell und zuverlässig. Nachteil: bei Stop and Go in der City bei heißen Temperaturen fällt das iPhone aus, es schaltet sich automatisch ab wegen zu großer Hitze.

Tanken, Übernachten, Pause machen, spontane Entscheidungen, alles ist in Thailand einfach. Essen sicher das beste in ganz Asien. Die BMW stelle ich fast überall gut unter, jeder Gastgeber kümmert sich darum, dass ein sicherer Platz gefunden wird.

In den ersten zwei  Wochen sind wir zu zweit. Lea, meine Freundin, fährt mit, hilft wo sie kann und mausert sich im Team zum Packfuchs. Sie packt Alukoffer und Taschen so, dass immer noch was reinpasst. Bei Touratech Thailand können wir unser selbstgerechtes Stativrohr unter einem der Alukoffer befestigen. Dort sortieren wir auch stundenlang die Ausrüstung durch und lagern ein, was wir in den nächsten beiden Wochen nicht brauchen.

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Wir besuchen Ayutthayas faszinierende Tempelanlagen, fahren im wilden Westen Thailands durch Kanchanaburi, besuchen den bei Kletterern beliebten Tonsai Beach, fahren durch den Khao Sok Naturpark, baden in den heißen Quellen im Sai Thong National Park, fahren im Osten Thailands durch verschnörkelte Bergdörfer, genießen Chiang Mai im Nordwesten, besuchen Phuket und Leonardo di Cabrios Beach auf Kho Pi Pi Island.

Die erste „Panne“ kommt am ersten Tag. Die Schraube der Windschutzscheibe ist futsch, die Scheibe wackelt und hängt schief in der Gegend rum. Wir halten am Straßenrand. Eine der vielen Werkstätten schraubt eine alte Maschinenschraube an Ort und Stelle, nach 10 Minuten Austausch über Motorräder und Scheibeflicken geht‘s weiter.

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Zu zweit ist vieles einfacher. Das Satteln des Zebras geht schneller, Erledigungen auf der Straße unterwegs sind sicherer, weil immer einer beim Bike bleiben kann.

Aufgaben werden aufgeteilt, jeder macht automatisch das, was er gut kann. Teamwork. Wir ergänzen uns und teilen die Eindrücke. Ein gutes Gefühl, so zu starten.

Wir machen Pausen, beobachten, genießen, suchen zusammen die Unterkünfte und meistern zusammen durch eher stressige Situationen. So fährt man besser und aufmerksamer zu zweit mitten durch Bangkok oder sucht gemeinsam die richtige Abzweigung auf den vollgestopften Bundesstraßen um Bangkok.

Das Zebra ist voller Gepäck, mit uns beiden sicher nicht ganz einfach auszubalancieren. Nach einer Weile kommt Übung. Die hohe Sitzposition und die Unebenheiten der Straße führen anfangs manchmal zu Beinah-Umfallern.

Thailand bietet eben alles. Fahrspaß, tolle Menschen, Kultur, Natur, Tempel, Essen, Unterkünfte, Berge, Strände und auch ein wenig Abenteuer. Wenn wir können, zelten wir, suchen Nationalparks auf und genießen die Natur.

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Doch die Zweisamkeit hat ein Ende. Lea muss zurück nach Deutschland und ich bin jetzt wirklich angekommen auf meiner „großen Reise“. Ich bin von jetzt an auf mich alleine gestellt. Das Gefühl ist gemischt. Doch nach weiteren zwei  Wochen Fahrt durch ganz Thailand bin ich schon ganz gut geworden in meiner Selbstorganisation.

Ich mache keinen engen Zeit- oder Reiseplan. Ich plane nur grob nach der Karte und buche nur selten Unterkünfte im Internet vor. Bald ist die Nordgrenze zu Laos erreicht. Hier suche ich den noch exotischen Grenzübergang in der Nähe von Chiang Khong. Mit einem normalerweise für Fußgänger gedachten Longboat verschiffe ich das Zebra über den Me Kong nach Huay Xai auf der Laotischen Seite. Wenn man das noch nie gemacht hat, hält man es nicht für möglich.

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Nach dem Abladen des Gepäcks und der Alukoffer schieben wir mit mehreren Helfern das Zebra rückwärts über eine Holzplanke auf das Boot. Passt alles. Nur ich fahre nicht mit. Ich muss die offizielle Grenze bei Chiang Khong überqueren. Das ist eine noch jungfräuliche Brücke. Fahrzeuge dürfen hier nicht rüber. Man geht zu Fuß durch die Grenzgebäude und auf der Laotischen Seite fährt man mit dem Bus oder Taxi weiter. Das erste Mal lasse ich das Bike mit allen Sachen zurück. Als es schon dunkel ist, komme ich mit dem Matorradtaxi am laotischen Flussufer an. Dort steht das Longboat, das Zebra steht noch drin. Diesmal packen die Laoten mit an, alles geht gut. 50 Meter weiter checke ich in ein billiges Hotel ein und falle in einen tiefen Schlaf.

Am nächsten Morgen die Bilanz, was man können oder lernen sollte:
200 % konzentriert fahren;  an Pausen denken; Trinken wie ein Weltmeister; Grenzübergänge beherrschen mit wohlwollender Geduld und konsequentem Beharren; Fahrfehler reflektieren können; Geduld üben in Packen, Packen und Packen; die Technik im Auge behalten; sich über wunderbare Offenheit bei Begegnungen freuen und ein wachsames Auge und Ohr behalten; Fotos einplanen; die Kameraausrüstung schützen, Unterkünfte sind unterschiedlich und man gewöhnt sich an vieles; die Finanzen im Auge behalten;  den Kontakt nach Hause halten; Fotos und Filme dreifach sichern und über die eignen Interessen einfach Dinge anschauen, die man vielleicht zuerst nicht interessant findet. Und noch vieles mehr.

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Laos wird mich prüfen. Und das Zebra. Es warten viele Traumstraßen durch die einfachen Bergdörfer, Menschen, vor allem Kinder, die mir hinterherrufen oder  geradezu schreien, weil sieüberrascht sind  sind von der Größe des fahrenden Zebras. Immer wieder halte ich, kaufe eine Kleinigkeit in den kleinen Läden an der Straße und komme in Kontakt mit Menschen, die sehr einfach und abgeschieden leben. Beiderseits sind wir  voneinander beeindruckt, versuchen zu kommunizieren.

Den Menschen liegt das einfache Leben. Deswegen gibt es auch keinen Grund für sie, traurig auszusehen. Ich werde immer geübter im Umgang mit meinen Mischgefühlen, einerseits mein offenes Interesse zu zeigen und andererseits nicht überheblich dazustehen, mit all der teuren Technik, den vielen Dingen und Möglichkeiten.

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In der ersten Woche treffe ich auf den Schweizer Klemens. Den nehme ich drei  Tage mit auf dem Bike, völlig überladen mit einem zusätzlichen Rucksack. Das Gute: Klemens wird kurzfristig Kameramann und filmt als Sozius sehr gut die staubigen Straßenpassagen in Laos.

Im Laufe der Reise werden noch viele Reisepartner kommen und gehen. Auch das ist eine wichtige Erkenntnis und ein wunderbares Gefühl;  Menschen sind immer da, sie kommen, sie gehen und einige werde als Freunde bleiben.

Laos ist wunderschön, die langen Straßen ein Traum. Ich besuche Tempel und Dörfer. Einige Straßenabschnitte sind ölverschmiert, bei anderen warnen Steine mitten auf der Fahrbahn vor einem kommenden Hindernis. Lkws rasen die Bergstraßen runter, sie sind leer und wollen schnell die nächste Ladung haben. Doch Laos hat Zauber.

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Mitten in Laos verfahre ich mich. Irgendwann geht die asphaltierte Straße in etwas anderes über. Es wird holprig. Dass die Straße irgendwann wieder auftauchen würde, war ein Wunschtraum. Ich hänge drei Tage in schwierigem Gelände fest. Allein. Ich stürzte insgesamt fünf Mal. Zwei Mal schwerer, und einmal steckt das Zebra kopfüber in rotschlammigen Morast fest. Es kommen Einheimische auf Rollern. Gemeinsam schuften wir das Bike aus der Misere. Alles ist zugeschlammt. Einige Funktionen wollen nicht mehr, eine Kamera ist verloren, mein Bein schmerzt und es dunkel und saukalt. Ich bin ebenso hoffnungslos vollgeschlammt. Ein Hotel ist nicht in der Nähe.

Es dauert, bis wir das Bike befreit haben. Meine Kräfte und Nerven sind jetzt an der Grenze. Ich drehe den Schlüssel, Zündung. Das Zebra lässt mich nicht im Stich und wir fahren alle gemeinsam völlig verdreckt den verschlammten Weg ins nächste kleine Dorf, wo mich die Polizei erst einmal nach meinem Ausweis fragt. Nach einer etwas zähen Aufklärung bekomme ich im Office des verantwortlichen Chefs ein Zimmer zugewiesen. Ich bekomme ein warmes Abendessen, Tee, eine Decke und ein Holzbett. So wie ich bin, falle ich in dieses Bett. Es ist sehr kalt. Ich bin froh, unter Menschen zu sein, Wärme zu spüren und den ganzen Rest erstmal auf Morgen zu verschieben.

Die Strecke am nächsten Morgen verheißt erstmal keine Besserung. Ich bringe das Zebra noch drei Mal zu Fall. Mein Bein ist über Nacht geheilt, nichts Ernstes. Mit jedem Sturz falle ich besser. Ich lerne dazu. Die Augen geradeaus, Fahren im Stand, Hände entspannen, Knie eng zusammen, alles mit Kupplung fahren, genügend Gas. Ich versuche die GS eben wie ein Zebra zu reiten. Es funktioniert.

Laos stellt mir Aufgaben. Die Straße ist am dritten Tag wieder in Sicht. Das war harte Schule, aber nützlich für den Rest der Reise. In Vientiane, ein paar Tage später, erlebe ich den ersten Unfall live. Es wird bei weitem nicht der einzige bleiben. Ich bin nicht beteiligt, aber Zeuge. Abends auf dem Weg zum Geldautomaten gibt es auf der Kreuzung einen Knall. Ein Scooter- Fahrer ist mit einem Lkw kollidiert. Nach wenigen Sekunden entscheide ich mich, zum Unfallort zu eilen. Ich habe mich dafür entschieden, weil schon zwei  Verkehrspolizisten dazu eilen. Ansonsten müsste ich mich raushalten, was nicht einfach ist. Aber bekanntlich kann ein Einmischen auch nach hinten losgehen und man ist am Ende der Schuldige, weil man derjenige ist, der das Geld hat.

Der Scooter-Fahrer liegt unter dem Lkw, noch unter seinem Roller. Ich vermittle zwischen den Partein und bringe die Polizisten dazu, endlich dem Opfer zu helfen, anstatt mit Kreide die Straße zu bemalen. Der junge Mann blutet sehr stark aus Nase, Ohren und Augen, er ist stark benommen und seine Zustand verrät, dass er nur wenig Chancen hat, diese Sache zu überleben. Seine linke Körperhälfte ist gelähmt. Ein schweres Schädelhirntrauma ist offensichtlich. In einem solchen Land keine einfache Diagnose.

Zuschauer haben nichts anderes zu tun, als ihm das Handy direkt ins Gesicht zu halten, um später etwas interessantes zu posten. Ich bekomme Wut. Eine junge Frau hilft mir, wir machen Ansprechversuche. Er fuhr ohne Helm, im Dunkeln ohne Licht, unvorbereitet in einen Lkw. Wir lagern ihn auf die Seite. Der Krankenwagen kommt. Bei dem Verkehr stehen die Chancen sehr schlecht, schnell in ein Krankenhaus zu kommen.

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Das nimmt mich ein paar Wochen mit. Es wird mir aber auch helfen, mich 200-prozentig zu konzentrieren. Diese Momente verändern meine gesamte Reise. Sie haben mir aber auch sehr geholfen. Der Traum von der Motorradreise geht weiter. Und mit im Bewusstsein ist auch, es ist nur ein Bruchteil eines Moments –  und dieser Traum könnte ein Alptraum sein. Alles ist nebeneinander. Ich entscheide mich, weiterhin zu genießen. Bis heute gelingt mir das und ich bin auf der Hut, so gut es eben geht.

Lassen Sie sich nicht aufhalten, falls sie gerade eine Reise im Kopf planen. Sie lernen am besten, wenn sie durch Schwierigkeiten durchgehen. Diese werde kommen auf der Reise, heißen Sie sie willkommen. Sie sind Schule. Sie sind hilfreich. Sie verändern Ihre inneren Grenzen. Ich freue mich heute viel stärker über jeden schönen Moment. Ich genieße noch mehr schöne Fahrten, gutes Essen, nette Menschen und Begegnungen. Meine Art zu denken hat sich verändert.

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